DIE ERDE LESEN
THE DISSIDENT GODDESSES’ PROJECT
Die Ausstellung in der Landesgalerie Niederösterreich.
Laufzeit der Ausstellung: 12.03.-01.05.2022

Die ökologische Krise fordert uns heraus, uns der Erde zu widmen, sie neu zu lesen, mit neuen Mitteln aufzuzeichnen. Der Prozess einer offenen, interaktiven Interpretation der Erde, des Landes und seiner vielgestaltigen Bewohner steht im Zentrum der Ausstellung. Niederösterreichs Lösslandschaften haben die Menschen seit der Altsteinzeit angezogen, wovon nicht zuletzt die weltweit einzigartigen Venusfunde Zeugnis ablegen. Der Faden der Auseinandersetzungen wird aufgenommen bei der Mikrobiologin Lynn Margulis und dem Biophysiker James Lovelock, die in den 1970er-Jahren die Idee einer lebendigen Erde, Gaia, in die Wissenschaft eingeführt haben. Gaia ist in dieser Ausstellung der Name für die Erde als Lebewesen, der wir uns annähern, indem wir unsere gemeinsamen Existenzbedingungen ausloten.

Angela Melitopoulos interpretiert in ihrer Videoinstallation Matri Linear B – part 1 – Revisions die Gesprächigkeit der niederösterreichischen Landschaft und die Ausdruckskraft der Böden in Bezug auf die Ökonomie, zu der sie gehören. In Interviews mit den Bäuerinnen und Bauern sowie Bewohner*innen zeichnet sie Bilder der Verwobenheit der Menschen mit ihrem Land.

Ida-Marie Corell protokolliert in einer Fülle von Zeichnungen den Prozess des Verstehens einer weiblichen Geschichte.
Elisabeth von Samsonow unternimmt eine poetische Kartografie des von einem Kollektiv von Kulturschaffenden gegründeten „Landes der dissidenten Göttinnen“ im niederösterreichischen Pulkautal bei Alberndorf. Sie zeigt Performancefotos von großen Aktionen, an denen Künstlerinnen, Weinbauern, Jäger, die Dorfmusik und die Dorfjugend mitgewirkt haben, gleichberechtigt mit Bodenproben, Porträts der jeweils vorhandenen Mikroorganismen, Karten und Funde.

Die zu dieser Ausstellung als Gast eingeladene finnische Künstlerin Alma Heikkilä widmet sich in ihren Arbeiten den winzigen Akteuren in der Herstellung von Leben: Flechten, Bakterien, Algen. Ihre Bilder erschließen uns die Schönheit und Intelligenz dieser Kleinstlebewesen.

Die umfangreichen künstlerisch-wissenschaftlichen Forschungsergebnisse und Materialien des Projekts werden stichprobenartig in einer eigenen Forschungslounge im Rahmen der Ausstellung zur Verfügung gestellt. Dort sind die Arbeiten von Ida-Marie Corell, Federica Matta und Romana Schuler zu sehen.

Die Ausstellung geht aus dem mehrjährigen Forschungsprojekt THE DISSIDENT GODDESSES’ NETWORK der Akademie der bildenden Künste Wien in Kooperation mit dem FORUM MORGEN hervor.

Kuratorin: Felicitas Thun-Hohenstein, unterstützt vom Team des DISSIDENT GODDESSES’ NETWORK

Fotos: Christoph Fuchs

 

Forschungslounge THE DISSIDENT GODDESSES’ NETWORK

Die Forschungslounge lädt ein, sich intensiver mit den künstlerisch-wissenschaftlichen Forschungsergebnissen und Materialien des Projektes THE DISSIDENT GODDESSES’ NETWORK zu befassen. Eine Handbibliothek mit Buchempfehlungen der Forscher*innen ermöglicht, sich in einzelne Themengebiete des Projektes wie etwa die Archäologie der weiblichen Figurinen in Niederösterreich oder die Matriarchatsforschung zu vertiefen.
Die als Wandbild inszenierten Zeichnungen von Federica Matta sind ein Vorgeschmack auf die vier Göttinnen-Bücher, die anhand der wichtigsten Funde von weiblichen Figurinen in die Ur- und Frühgeschichte Niederösterreichs einführen. Ziel dieser Bücher ist, die wissenschaftliche, künstlerische und regionale Dimension des Projektes miteinander zu verbinden. Diese stehen zur freien Entnahme für Sie als Besucher*in bereit. Audioaufzeichnungen von Interviews, die Romana Schuler mit Frauen aus Niederösterreich geführt hat, die möglichst nahe an den Stätten der prähistorischen Göttinnen leben oder arbeiten, begleiten die Besucher*innen durch die Ausstellung.

 

Ida-Marie Corell
Veni Vidi Venus

108 Zeichnungen Mischtechnik auf Papier
2018-2021

 

Mensch und Materie
Seine und Ihre Geschichte
Das Geschichte zweier Welten
Ein geometrischer Tanz versteckt zwischen abgebrochenen Einzelteilen
Verloren im Limit der Argumentationen
Gefangen in lebloser Sprache
Das Ganze im undefinierten-definierten Dazwischen
Kreisläufige Intelligenz
Begraben unter linearer Eitelkeiten

IM© 2021

Ida-Marie Corell zeigt uns mit ihrer eigenen Bildsprache und dem einzigartigen Zugang in ihren Zeichnungen, durch die Brille der künstlerischen Forschung, einen poetischen Einblick in ihre HERSTORY der Venus von Willendorf.

 

 

Elisabeth von Samsonow
Der Körper der Göttinnen

Eine poetische Anatomie. Die Installation von Elisabeth von Samsonow kartographiert das Göttinnenland bei Alberndorf im Pulkautal. Es handelt sich um ein hochgradig diverses Land von ca. vier Hektar, mit Wald, verbuschten Flächen, Brachen, Weingärten und einem großen Acker. Die Flur „Toter Mann“ beherbergt eine archäologische Stätte, einen Großwildzerlegeplatz aus dem Paläolithikum. In der Nähe dieser Stätte befindet sich die Jurte, die dem Projekt THE DISSIDENT GODDESSES‘ NETWORK als Versammlungsort oder Parlament dient. Elisabeth von Samsonow zeichnet diesen Ort auf, in seinen vielfältigen Facetten, aber ebenso die Ereignisse, die mit diesem Land verbunden sind. Es gibt Zeichnungen, die die Wanderungen, die Wege und die imaginären Linien, die geologischen Strukturen und die Wasserlinien veranschaulichen. Photographien und Herbarien, Filme und Fossilien, Bodenproben und Gedichte öffnen den Zugang zu jenem „geliebten Riesenleib“, der für die Künstlerin dieses Land bedeutet. Es gibt künstlerische, forschende und spielerische Zugänge, Debatten, Feste und Gänge mit Kolleg*innen, Bewohner*innen, Spezialist*innen, Jäger*innen und Bäuer*innen, die in dieser Installation in Erinnerung gebracht und dokumentiert werden. Das Göttinnenland dient keinem Zweck, es wurde der Nutzung weitgehendst entzogen. Es ist nun einer offenen, gemeinsamen Erkundung gewidmet, wird als Partnerin, als Freundin, als Lehrerin betrachtet, die unseren Horizont erweitert. Aber es bildet nicht nur ein Labor und einen Spielplatz, sondern ist auch von den ökologischen Problemen betroffen, die dem nordöstlichen Weinviertel zu schaffen machen: Trockenheit, Erosion, biologische Verarmung der Böden. Humusabbau. So wird auch gefragt: Was können wir jetzt tun? Können wir unterstützend wirken? Was lehrt uns das Land?

Alma Heikkilä
Namen der ausgewählten Arbeiten + Maße / noch nicht fix ob alle gezeigt werden.
not visible or recognizable in any form, 270 x 240 cm
Fuligo septica, 108 x 75
collective activities, 26 x 20
beneath a layer of fallen leaves, 14 cm
not visible or recognizable in any form 2, 75 x 50 cm

Alma Heikkilä ist für das Projekt THE DISSIDENT GODDESSES‘ NETWORK besonders interessant, weil sie nicht nur Gründungsmitglied des Mustarinda Kollektivs, das sich in der Nähe des Paljakka Natur- Reservats in Finnland dem Aufbau einer ökologischen-sozialen-künstlerischen Praxis verschrieben hat, sondern sich in ihrer Kunst auch intensiv der Wahrnehmung von Mikrolebewesen, dem Bodenleben widmet. Ihre Malerei ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie Kunst die Aufmerksamkeit zu lenken und zu schärfen vermag. Ihre Arbeiten fungieren als Brücke zu einer Veränderung des Wahrnehmungsfokus in Richtung auf eine Welt, die bisher – wie sie selbst sagt – „not visible or recognizable in any form“ (in keiner Weise sichtbar oder erkennbar) war.

 

Matri Linear B
Ein audio-visuelles Forschungsprojekt von Angela Melitopoulos
Die Ausdruckskräfte der Erdoberfläche sind „sprechende Landschaften“, die Bilder von Angela Melitopoulos sind Agenturen einer Aussage. Wir können lernen, sie als Bilder einer sozialen Organisation zu verstehen. Das Projekt befasst sich mit der Beziehung zwischen Landschaft und Betrachter*in und ihren kinematischen und kinetischen Visualisierungsinstrumenten (Kinematographie, Satellitenbilder, Kartographie, Malerei, experimentelles Ausloten). Es untersucht auch wissenschaftliche Forschungsmethoden der Archäologie und Anthropologie, um eine feministische Interpretation der Vorgeschichte und des indigenen Wissens gegen die globale, patriarchalische Geschichtlichkeit inmitten einer ökologischen und sozialen Katastrophe zu etablieren.
Die Forschung wird als Zweikanal-Video- und 8-Kanal-Audioinstallation und auf zwei Monitore präsentiert:
1. Niederösterreich _ Matri Linear B _ Rescaling Landscapes (tbc)
2. Australien Northern Territories _ Matri Linear B _ Surfacing Earth, 110 min
3. Forschunginterviews mit den feministischen Wissenschaftshistorikerinnen
Claudine Cohen (EHESS Paris), 26 min und Heide Goettner Abendroth (HAGIA Akademie), 26 min
4. Lernen, mit der Erde zu sprechen
Eine Reihe von Story-Telling-Veranstaltungen von und mit ZONKEY (Angela Melitopoulos und Kerstin Schroedinger) in der Jurte auf dem „Toten Mann“ in Alberndorf im Pulkautal, September 2021.
Dokumentationsvideos von Session 1: Ketzerische Blicke mit der Kräutersammlerin Renate Ganser, (tbc), und Session 3: Landwerdung mit der Anthropologin Barbara Glowczewski (39min)